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Arbeitslosigkeit steigt: Warum KI-exponierte Jobs stärker unter Druck geraten

Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz steigt – und der Anstieg trifft nicht alle Berufe gleich.

Gemäss SECO waren Ende April 2026 142’902 Personen bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren arbeitslos gemeldet. Die Arbeitslosenquote lag bei 3,0%. Gegenüber April 2025 erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen um 12’801 Personen, also um 9,8%.

Auch die breitere Erwerbslosenquote nach Definition der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zeigt eine Verschlechterung. Im 1. Quartal 2026 lag sie gemäss BFS bei 5,2%. Im Vorjahresquartal waren es 4,7%.

Die Schweiz bleibt im europäischen Vergleich weiterhin relativ stabil. Aber unter der Oberfläche verändert sich der Arbeitsmarkt deutlich.

Der neue Risikofaktor heisst KI-Exponierung

Früher galt oft: Je höher die Ausbildung, desto sicherer der Job.

Heute wird diese Regel differenzierter.

Entscheidend ist nicht mehr nur der Bildungsabschluss. Entscheidend ist zunehmend, wie stark ein Beruf durch KI unterstützt, beschleunigt oder teilweise ersetzt werden kann.

Besonders exponiert sind Tätigkeiten, die stark aus Sprache, Text, Code, Recherche, Datenanalyse, Standardkommunikation, Reporting oder wiederholbaren digitalen Abläufen bestehen.

Dazu gehören insbesondere Jobs in Informatik, Softwareentwicklung, Datenanalyse, Marketing, Kommunikation, Medien, Übersetzung, Lektorat, HR, Administration, Callcenter, Finanzanalyse, Reporting, Compliance, Research und Teilen des Backoffice.

Die KOF der ETH Zürich kommt in einer Studie zum Schweizer Arbeitsmarkt zum Schluss, dass die Arbeitslosigkeit seit 2023 in KI-exponierten Berufen um 20 bis 30% stärker gestiegen ist als in wenig exponierten Berufen.

Genannt werden unter anderem Softwareingenieurinnen und Softwareingenieure, Journalisten, Übersetzerinnen, Lektoren, Sprachlehrerinnen, Webdesigner, Marketingberufe, HR-Berufe und Call-Center Agents.

Warum gerade Akademiker und Einstiegsjobs betroffen sind

Das klingt auf den ersten Blick paradox: Ausgerechnet gut ausgebildete Personen geraten stärker unter Druck.

Der Grund liegt in den Aufgabenprofilen.

Viele akademische Einstiegsjobs bestehen aus Tätigkeiten, die generative KI besonders gut unterstützt: Texte schreiben, Informationen zusammenfassen, Präsentationen vorbereiten, Recherchen machen, einfache Analysen erstellen, Standard-Code schreiben, Reports strukturieren, Mails formulieren oder erste Konzepte ausarbeiten.

Früher waren genau diese Aufgaben der Einstieg für Junior-Mitarbeitende. Heute können Unternehmen einen Teil davon mit KI-Tools schneller, günstiger oder mit weniger Personal erledigen.

Das bedeutet nicht, dass Akademikerinnen und Akademiker überflüssig werden. Aber der Arbeitsmarkt verlangt schneller echte Praxiskompetenz, Branchenverständnis, Kundenkontakt, Projektverantwortung und die Fähigkeit, KI produktiv einzusetzen.

Ein Abschluss allein schützt weniger als früher.

Welche Jobs stärker gefährdet sind

Besonders unter Druck geraten nicht einfach „Bürojobs“ pauschal, sondern konkrete Aufgabenprofile.

Gefährdet sind vor allem Tätigkeiten, die stark standardisiert, digital, textbasiert oder datenbasiert sind.

Dazu gehören zum Beispiel einfache Content-Produktion, Standard-Marketingtexte, Übersetzungen, Lektorate, einfache Programmieraufgaben, Reporting, Präsentationsvorbereitung, interne Dokumentation, einfache Finanzanalysen, Research, Datenerfassung, Standard-Kundenkommunikation, Termin- und Administrationsprozesse oder erste HR-Screenings.

Auch im Finanzsektor kann KI Tätigkeiten verändern: Analyse, Compliance-Vorprüfung, Reporting, Risikomonitoring, Kundensegmentierung, Dokumentation, Portfolio-Auswertungen und interne Prozessautomatisierung.

Hier trifft KI auf einen Markt, der ohnehin unter Druck steht. Die UBS-CS-Integration, Digitalisierung, Outsourcing und Kostensenkungsprogramme verändern die Finanzbranche zusätzlich.

Reuters berichtete Anfang Februar 2026, dass der Grossteil der zuvor angekündigten rund 3’000 Stellenreduktionen in der Schweiz voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2026 anfallen werde.

Welche Jobs robuster bleiben

Robuster sind Tätigkeiten, die nicht nur am Bildschirm stattfinden.

Dazu gehören Berufe, bei denen Menschen vor Ort arbeiten, Material beurteilen, Maschinen bedienen, Anlagen montieren, Fehler diagnostizieren, Kunden beraten, Verantwortung übernehmen und auf reale Situationen reagieren müssen.

Gerade Bau, Handwerk, Gebäudetechnik, Elektro, Sanitär, Heizung, Holzbau, Metallbau, Gartenbau, Service, Unterhalt, Reparatur, Montage, Instandhaltung und technische Feldarbeit sind weniger direkt durch generative KI ersetzbar.

Auch der Fachkräftemangel-Index Schweiz 2025 zeigt: Der Fachkräftemangel hat zwar insgesamt abgenommen, bleibt aber in Gesundheits-, Bau- und technischen Berufen spürbar. Gleichzeitig dämpft sich die Nachfrage in Büro-, ICT- und Finanzberufen.

Warum das Handwerk nicht automatisch sicher ist

Trotzdem wäre es falsch zu sagen: Im Handwerk passiert nichts.

KI und Digitalisierung verändern auch Bau und Handwerk. Aber anders.

KI ersetzt hier weniger die handwerkliche Kernarbeit. Sie verändert Planung, Offerten, Administration, Dokumentation, Terminierung, Einkauf, Projektcontrolling, Kundenkommunikation, Bildanalyse, Vermessung, Wartungsplanung und Qualitätskontrolle.

Das heisst: Der Handwerker wird nicht durch KI ersetzt. Aber ein Handwerksbetrieb, der KI und digitale Tools klug nutzt, kann effizienter werden als ein Betrieb, der alles manuell macht.

Die eigentliche Veränderung lautet deshalb nicht: Büro gegen Handwerk.

Die Veränderung lautet: standardisierte Bildschirmarbeit verliert Schutz – praktische, technische und kundennahe Kompetenz gewinnt an Wert.

Lehre oder Studium? Die Antwort wird differenzierter

Die aktuelle Entwicklung ist ein starkes Signal für die Berufsbildung.

Eine handwerkliche oder technische Ausbildung kann heute sehr robust sein, weil sie reale Arbeit mit realen Objekten verbindet. Wer Elektroinstallationen versteht, Heizungen wartet, Solaranlagen montiert, Leitungen verlegt, Maschinen repariert, Holz verarbeitet oder Baustellen organisiert, verfügt über Fähigkeiten, die KI nicht einfach aus der Cloud erledigen kann.

Gleichzeitig bleibt Weiterbildung entscheidend.

Die stärkste Position haben künftig Menschen, die beides verbinden: praktisches Können und digitale Kompetenz.

Also nicht nur Lehre oder Studium.

Sondern: Fachwissen plus Technologieverständnis. Handwerk plus Daten. Baustelle plus digitale Planung. Erfahrung plus KI-Werkzeuge.

Was das für junge Menschen bedeutet

Für junge Menschen heisst das: Ein Studium ist nicht automatisch ein sicherer Schutz vor Arbeitslosigkeit. Eine Lehre ist nicht automatisch weniger wert.

Entscheidend ist, ob die eigene Tätigkeit schwer ersetzbar, praxisnah, kundenrelevant, technisch anspruchsvoll oder verantwortungsvoll ist.

Wer nur standardisierte digitale Aufgaben ausführt, gerät stärker unter Druck. Wer reale Probleme lösen kann, bleibt gefragt.

Das gilt für Handwerker genauso wie für Akademiker.

Ein Softwareentwickler mit echter Systemkompetenz bleibt wertvoll. Ein Projektleiter mit Kundenverständnis bleibt wertvoll. Eine Gebäudetechnikerin mit digitaler Planungs- und Servicekompetenz bleibt wertvoll. Ein Elektriker, der Smart Building, PV, Speicher und Ladeinfrastruktur versteht, wird noch wichtiger.

Bedeutung für handwerker.ch

Für handwerker.ch ist diese Entwicklung strategisch relevant.

Wenn sich der Arbeitsmarkt stärker nach realen Fähigkeiten, technischer Kompetenz und KI-Exponierung sortiert, werden strukturierte Betriebsdaten wichtiger.

Welche Betriebe bilden aus? Welche Betriebe haben Fachkräfte? Welche Kompetenzen sind vorhanden? Welche Firmen sind stark in Elektro, Sanitär, Heizung, Holzbau, Metallbau, Gartenbau, Service, Unterhalt, Smart Building, PV, Speicher, Ladeinfrastruktur oder digitaler Planung? Welche Betriebe nutzen moderne Tools und bleiben gleichzeitig handwerklich verlässlich?

In einer AI-Agent-Welt reicht ein Branchenverzeichnis nicht mehr. Entscheidend werden geprüfte, strukturierte und maschinenlesbare Daten über Fähigkeiten, Qualität, Verfügbarkeit und Vertrauenssignale.

 

Quellenhinweis

SECO Arbeitsmarktstatistik April 2026; BFS Schweizerische Arbeitskräfteerhebung 1. Quartal 2026; KOF / ETH Zürich zur KI-Exponierung im Schweizer Arbeitsmarkt; Reuters zur UBS-CS-Integration und Stellenreduktionen; Fachkräftemangel-Index Schweiz 2025 von Adecco Group und Stellenmarkt-Monitor Schweiz / Universität Zürich; Bilanz zur schwierigeren Arbeitsmarktsituation für Hochschulabgänger.

Fazit

Die Schweiz bleibt im internationalen Vergleich ein stabiler Arbeitsmarkt. Aber die Entwicklung ist deutlich: Die Arbeitslosigkeit steigt, und KI verändert die Risikoprofile.

Besonders betroffen sind Tätigkeiten, die stark digital, textbasiert, analytisch, standardisiert oder wiederholbar sind. Dazu gehören Teile von ICT, Marketing, Kommunikation, Medien, HR, Administration, Finanzanalyse, Reporting, Compliance und akademischen Einstiegsjobs.

Robuster bleiben Berufe, die reale Arbeit vor Ort leisten: Bau, Handwerk, Gebäudetechnik, Service, Unterhalt, Reparatur, Montage und technische Feldarbeit.

Die Lehre wird dadurch nicht altmodisch. Sie wird wieder strategisch.

Die Zukunft gehört nicht einfach Akademikern oder Handwerkern. Sie gehört Menschen, die schwer ersetzbare Fähigkeiten haben – und KI als Werkzeug nutzen, statt von ihr verdrängt zu werden.

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