Weiterbauen statt Abbruch: Warum Bauen im Bestand in der Schweiz immer wichtiger wird

Die Schweiz sucht nach mehr Wohnraum, mehr Nachhaltigkeit und mehr Effizienz im Bau. Genau deshalb rückt ein Thema immer stärker ins Zentrum: das Weiterbauen im Bestand. Statt Gebäude vorschnell abzureissen, sollen bestehende Bauten häufiger erhalten, umgebaut, aufgestockt, ergänzt und intelligenter weiterentwickelt werden. Für die Schweizer Bauwirtschaft und das Handwerk ist das hochrelevant – denn hier entstehen nicht nur neue Chancen, sondern auch neue Anforderungen an Planung, Präzision und Fachwissen.

 

Warum das Thema Weiterbauen im Bestand gerade jetzt an Bedeutung gewinnt

Der Druck auf den Schweizer Wohnungsmarkt bleibt hoch. Der Bundesrat hält fest, dass Angebot und Nachfrage seit 2020 nicht mehr Schritt halten und dass die zusätzliche Wohnungsnachfrage weiter anhalten dürfte. Gleichzeitig nimmt der politische und fachliche Druck zu, mit Boden, Ressourcen und bestehender Infrastruktur sorgfältiger umzugehen. Genau in diesem Spannungsfeld gewinnt das Weiterbauen im Bestand an Gewicht.

Auch im fachlichen Umfeld wird das Thema klar vorangetrieben. Die SIA-Fachgruppe für die Erhaltung von Bauwerken hat mit der Plattform aufbruch-statt-abbruch.ch eine neue Wissensseite lanciert, die das Weiterbauen im Bestand stärken und Know-how vermitteln soll. Baublatt schreibt dazu, dass der Erhalt von Bauwerken zwar manchmal aufwendiger sei als ein Ersatzneubau, aber gerade deshalb mehr Wissen und mehr Aufmerksamkeit brauche.

 

Was mit Weiterbauen im Bestand gemeint ist

Weiterbauen im Bestand bedeutet, bestehende Gebäude nicht einfach als Hindernis zu betrachten, sondern als Ausgangspunkt für neue Lösungen. Das kann Umbau, Umnutzung, Aufstockung, Ergänzungsbau, Teilersatz, energetische Erneuerung oder die Weiterentwicklung einzelner Gebäudeteile umfassen. Ziel ist es, bestehende Substanz, graue Energie, Infrastruktur und oft auch städtebauliche Qualität besser zu nutzen, statt alles neu zu errichten. Diese Einordnung stützt sich auf die aktuellen Fachdebatten und Veranstaltungsbeschriebe im Schweizer Planungs- und Architekturumfeld.

 

Warum der reine Ersatzneubau nicht immer die beste Antwort ist

Baublatt verweist darauf, dass Ersatzneubauten unter dem Titel der Verdichtung oft nicht automatisch mehr Wohnraum schaffen. Gleichzeitig soll die neue Plattform zeigen, welche rechtlichen und planerischen Spielräume das Weiterbauen bereits heute bietet. Das ist ein wichtiger Punkt: Mehr Verdichtung bedeutet nicht zwingend mehr Abbruch. In vielen Fällen kann der Bestand selbst Teil der Lösung sein.

Gerade in der Schweiz, wo Bauzonen begrenzt, Verfahren komplex und innerstädtische Räume bereits stark genutzt sind, wird die Entwicklung bestehender Immobilien zu einer Schlüsselkompetenz. Genau das betont auch ein Fachanlass von espazium: Die Entwicklung bestehender Immobilien sei zentral, um nachhaltige Ziele durch ressourceneffizientes Bauen zu erreichen.

 

Was das für die Schweizer Bauwirtschaft bedeutet

Für die Schweizer Bauwirtschaft ist Bauen im Bestand weit mehr als ein Nischenthema. Es ist eine strategische Antwort auf mehrere Probleme gleichzeitig: Wohnungsknappheit, Flächenmangel, Nachhaltigkeitsdruck und begrenzte Realisierungsgeschwindigkeit bei grossen Neubauprojekten. Wenn der Wohnungsmarkt angespannt bleibt und Verdichtung politisch gewollt ist, wird die intelligente Weiterentwicklung des Bestands wirtschaftlich und städtebaulich immer wichtiger. Diese Schlussfolgerung ist eine sachliche Einordnung auf Basis der Bundesratsanalyse zum Wohnungsmarkt und der aktuellen Fachdebatte zum Weiterbauen.

Das heisst konkret: Mehr Projekte dürften künftig nicht auf der grünen Wiese entstehen, sondern im bestehenden Siedlungsraum. Genau dort sind Umbauten, Sanierungen, Ergänzungen und Umnutzungen oft anspruchsvoller als klassische Standard-Neubauten. Sie verlangen andere Planungsprozesse, mehr Koordination und ein tieferes Verständnis für Substanz, Technik und Nutzung. Diese Schlussfolgerung ist eine praxisnahe Einordnung.

 

Was das für das Handwerk bedeutet

Für das Handwerk ist das Thema besonders spannend. Denn Bauen im Bestand ist fast immer handwerklich intensiver als der serielle Neubau. Bestehende Gebäude bringen Überraschungen, Schnittstellen, Massabweichungen, Altlasten, statische Grenzen und technische Besonderheiten mit sich. Genau deshalb steigen die Anforderungen an Betriebe, die im Umbau und in der Sanierung arbeiten. Diese Folgerung ist eine fachliche Einordnung, die sich aus der beschriebenen Komplexität des Weiterbauens ergibt.

Gefragt sind vor allem Betriebe, die sauber im Bestand arbeiten können: Holzbau, Metallbau, Fassaden, Fenster, Elektro, Sanitär, HLK, Gipser, Maler, Innenausbau, Abdichtungen, Bauphysik und viele weitere Gewerke. Wer Bestandsprojekte sicher, präzise und koordiniert umsetzt, dürfte in einem solchen Marktumfeld an Bedeutung gewinnen. Das ist keine direkte Aussage der Quellen, sondern eine begründete praktische Ableitung aus der Natur dieser Projekte.

 

Nachhaltigkeit, Wohnraumbedarf und Bestand wachsen zusammen

Das Thema ist nicht nur baupraktisch, sondern auch politisch relevant. Auf der Website des Bundesamts für Wohnungswesen ist seit März 2026 ein parlamentarischer Vorstoss aufgeführt, der ausdrücklich fordert, die Verdichtung im Bestand zu stärken und das Potenzial von Aufstockungen und Ergänzungsbauten besser zu nutzen. Das zeigt, dass das Thema inzwischen auch auf nationaler Ebene stärker wahrgenommen wird.

Damit verdichtet sich die Botschaft: Wer Wohnraum schaffen, Ressourcen schonen und Siedlungen weiterentwickeln will, kommt am Bestand immer weniger vorbei. Das gilt besonders in der Schweiz, wo hochwertige Infrastruktur, dichter Siedlungsraum und knappe Flächen den Umgang mit dem Bestehenden noch wichtiger machen. Diese Schlussfolgerung ist eine Einordnung aus den genannten Quellen.

 

Quellen-Summary

Baublatt zur neuen Plattform aufbruch-statt-abbruch.ch der SIA-Fachgruppe für die Erhaltung von Bauwerken, BWO zu Verdichtung im Bestand und Wohnungsmarkt sowie espazium zu den Chancen und Herausforderungen des Weiterbauens bestehender Immobilien.

  • 19.04.2026