Nachfolgekrise im Handwerk: Das stille Risiko für Bau, Gewerbe und Versorgung

Dem deutschen Handwerk droht kein plötzlicher Crash. Gefährlicher ist etwas anderes: ein stiller Strukturbruch.

Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks suchen in den kommenden Jahren rund 125’000 Handwerksbetriebe eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger. Wenn diese Übergaben scheitern, verschwinden nicht nur Firmen, sondern auch Erfahrung, Ausbildungsplätze, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Substanz.

Das ist mehr als ein deutsches Problem. Es ist ein Warnsignal für die gesamte DACH-Bauwirtschaft – und damit auch für die Schweiz.

Wenn der Betrieb verschwindet, verschwindet mehr als ein Firmenname

Ein Handwerksbetrieb ist selten nur ein Betrieb.

Er ist ein lokales Wissenssystem. Dort liegen Kundenbeziehungen, Erfahrungswissen, Lehrstellen, Maschinen, Lieferantenkontakte, regionale Verfügbarkeit und oft jahrzehntelang aufgebaute Problemlösungskompetenz.

Wenn ein Sanitärbetrieb, eine Schreinerei, ein Heizungsunternehmen, ein Malerbetrieb oder ein lokaler Bauhandwerker keine Nachfolge findet, verschwindet damit auch ein Stück Infrastruktur.

Besonders im ländlichen Raum kann ein geschlossener Betrieb bedeuten:

- längere Wartezeiten

- weniger Wettbewerb

- höhere Preise

- weniger Lehrstellen

- weniger regionale Verfügbarkeit

- weniger Know-how für Reparatur, Unterhalt und Sanierung

Das Handwerk ist damit nicht nur Wirtschaft. Es ist Versorgungssicherheit.

Auch die Schweiz steht vor einer Nachfolgewelle

Die Schweiz ist kleiner als Deutschland – aber strukturell ähnlich betroffen.

Gemäss KMU-Portal des Bundes waren 2024 rund 101’427 Unternehmen in der Schweiz auf der Suche nach einer Nachfolgeperson. Besonders betroffen sind kleinere Unternehmen. Bei Unternehmen mit 10 bis 49 Beschäftigten wird die Nachfolgeregelung deutlich häufiger als ungelöst beschrieben als bei grösseren KMU.

Das ist für die Schweiz relevant, weil KMU mehr als 99% der marktwirtschaftlichen Unternehmen ausmachen und rund zwei Drittel der Arbeitsplätze stellen.

Für die Bauwirtschaft kommt ein weiterer Faktor hinzu: Sie zählt in der Schweiz zu den grossen Arbeitgebern. Bauen Schweiz nennt über 75’000 Unternehmen und rund 500’000 Beschäftigte in der Schweizer Bauwirtschaft. Ein grosser Teil davon sind KMU.

Die eigentliche Gefahr: Nachfolgekrise trifft Fachkräftemangel

Die Nachfolgekrise trifft nicht auf einen entspannten Markt.

Sie trifft auf eine Branche, die bereits unter Fachkräftemangel, steigenden Kosten, Bürokratie, Regulierungsdruck, Energiefragen, Digitalisierung und wachsender Komplexität leidet.

Das bedeutet: Es fehlen nicht nur Mitarbeitende. Es fehlen zunehmend auch Unternehmerinnen und Unternehmer, die Betriebe übernehmen, weiterentwickeln und in die nächste Generation führen.

Gerade in Bau, Ausbau, Gebäudetechnik, Gartenbau, Holzbau, Maler- und Gipsergewerbe, Sanitär, Elektro, Heizung, Facility Services und Unterhalt kann das mittelfristig zu einem echten Versorgungsrisiko werden.

Warum das für Bauherren und Immobilienbesitzer wichtig ist

Für Bauherren, Immobilienverwaltungen, Gemeinden und Unternehmen wird die Nachfolgefrage zur Qualitäts- und Risikofrage.

Wenn immer mehr Betriebe altersbedingt aus dem Markt verschwinden, verändert sich die Angebotsstruktur. Gute Betriebe werden knapper. Termine werden schwieriger. Preise steigen. Und bei komplexen Arbeiten wird es anspruchsvoller, qualifizierte Anbieter zu finden.

Gerade bei Gebäudetechnik, Unterhalt, Sanierungen, energetischen Massnahmen, Notfällen, Reparaturen und Umbauten kann ein lokales Handwerkernetz entscheidend sein.

Die Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Gibt es genügend Aufträge?

Die wichtigere Frage lautet: Gibt es in fünf oder zehn Jahren noch genügend starke Betriebe, die diese Aufträge zuverlässig ausführen können?

Die Nachfolgekrise ist auch ein Datenproblem

Viele gute Handwerksbetriebe sind fachlich stark, aber nach aussen zu wenig sichtbar.

Referenzen sind nicht sauber dokumentiert. Spezialisierungen sind unklar. Qualifikationen sind nicht strukturiert erfasst. Digitale Profile sind veraltet. Bewertungen, Zertifizierungen, Projektfähigkeit und regionale Stärken sind oft nicht maschinenlesbar auffindbar.

In einer Welt von AI-Agents, digitalen Beschaffungsprozessen und datenbasierten Entscheidungen wird das zum Nachteil.

Denn die nächste Generation von Auftraggebern, Käufern, Banken, Versicherern und Beratern sucht nicht nur nach einem Firmennamen. Sie sucht nach Vertrauen, Vergleichbarkeit, Spezialisierung, Kapazität, Qualität und Risikoindikatoren.

Genau deshalb braucht die Bauwirtschaft mehr als klassische Branchenverzeichnisse. Sie braucht strukturierte, geprüfte und maschinenlesbare Branchendaten.

Was jetzt wichtiger wird: Transparenz, Daten und Betriebsqualität

Die Nachfolgekrise zeigt, warum Betriebsqualität sichtbar werden muss.

Es reicht nicht mehr zu wissen, dass ein Betrieb existiert. Entscheidend wird, wie stabil, qualifiziert, sichtbar, spezialisiert und zukunftsfähig ein Betrieb ist.

Für die Schweiz heisst das: Die Nachfolgekrise ist auch ein Daten- und Transparenzproblem.

Wer gute Betriebe sichtbar macht, Qualität strukturiert erfasst und Unternehmen vergleichbar macht, stärkt nicht nur einzelne Firmen. Er stärkt die Versorgungssicherheit der gesamten Bauwirtschaft.

 

Quellenhinweis

Zentralverband des Deutschen Handwerks ZDH; ifh Göttingen / Volkswirtschaftliches Institut für Mittelstand und Handwerk; KMU-Portal des Bundes / SECO; Dun & Bradstreet Schweiz; Bauen Schweiz; Berliner Zeitung.

  • 11.05.2026