Ab 2028 keine Anwälte, Banker und Buchhalter mehr?
Microsoft warnt vor der grössten Automatisierungswelle seit der Industrialisierung – und die Schweiz ist besonders exponiert
Die Aussage ist drastisch. Und sie kommt nicht von einem Tech-Blogger, sondern von einem der mächtigsten KI-Manager der Welt.
Mustafa Suleyman, CEO von Microsoft AI, erklärte im Gespräch mit der Financial Times, dass ein Grossteil der heutigen Tätigkeiten von Anwälten, Buchhaltern und anderen Wissensarbeitern innerhalb der nächsten 12 bis 18 Monate vollständig automatisiert werden könne. Gemeint sind nicht Assistenzsysteme, die E-Mails vorschlagen oder Tabellen ausfüllen, sondern autonome Systeme, die komplexe Prüfungen, Analysen und Entscheidungen eigenständig durchführen.
Vertragsprüfungen, Steueroptimierungen, Risikoanalysen, Compliance-Prozesse – vieles davon könnte bald ohne menschliche Beteiligung ablaufen. Nicht als Unterstützung. Sondern als Ersatz.
Parallel dazu verschärft Elon Musk den Ton. Er spricht von einem «supersonic tsunami», der das wirtschaftliche Fundament erschüttern werde. KI und Robotik würden nicht nur Produktivität steigern, sondern die Logik der Knappheit angreifen, auf der moderne Ökonomie beruht. Wenn Arbeitskosten gegen Null tendieren und Fehlerquoten verschwinden, implodieren Preise. Produktion skaliert exponentiell, während Nachfrage und Geldmenge linear wachsen. Das Resultat wäre kein klassischer Konjunkturzyklus, sondern ein struktureller Umbruch.
Warum die Schweiz besonders betroffen wäre
Die Warnungen treffen einen wunden Punkt. Die Schweiz gehört zu den dienstleistungsstärksten Volkswirtschaften Europas. Zürich, Genf, Basel oder Zug sind geprägt von Banken, Versicherungen, Treuhandgesellschaften, Anwaltskanzleien und Beratungsunternehmen. Ein erheblicher Teil der Wertschöpfung basiert auf hochqualifizierter Wissensarbeit.
Sollte ein relevanter Anteil dieser Tätigkeiten automatisiert werden, hätte das direkte Folgen für Einkommen, Steuereinnahmen und Investitionen. Besonders sensibel reagiert der Immobilienmarkt. Hypotheken, Büroflächen, Neubauprojekte und hochwertige Wohnimmobilien hängen stark von gut bezahlten Dienstleistungsjobs ab. Wenn diese unter Druck geraten, verschiebt sich die Nachfrage – zuerst subtil, dann spürbar.
Noch ist unklar, wie schnell und in welchem Ausmass die Prognosen eintreffen. Technologische Revolutionen wurden in der Vergangenheit häufig überschätzt – zumindest kurzfristig. Doch der Unterschied heute liegt in der Geschwindigkeit. KI automatisiert nicht Muskelkraft, sondern kognitive Prozesse. Aufgaben, die vor wenigen Jahren als unangreifbar galten, sind plötzlich reproduzierbar.
Was das für Bau und Handwerk bedeutet
Für Bauwirtschaft und Handwerk ist die Entwicklung ambivalent. Einerseits könnte eine Abschwächung des Finanz- und Beratungssektors Investitionen bremsen. Weniger Einkommen in Hochlohnbranchen bedeuten potenziell weniger Nachfrage nach Luxuswohnungen, Büroausbau oder hochwertigen Sanierungen.
Andererseits verschiebt sich Kapital in unsicheren Zeiten oft in reale Werte. Immobilien, Infrastruktur und physische Anlagen gewinnen an Bedeutung, wenn digitale Geschäftsmodelle unter Druck geraten. Bau bleibt Realwirtschaft. Doch auch hier dringt KI tief in Prozesse ein: Planung, Kalkulation, Vergabe, Dokumentation und Bauüberwachung werden zunehmend datengetrieben.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob es 2028 noch Anwälte oder Banker geben wird. Die Frage ist, wie viele – und in welcher Form. Und welche indirekten Effekte diese Transformation auf Immobilien, Investitionen und Bauvolumen haben wird.
Analyse: Systemwechsel oder Evolutionsschritt?
Sollten die Prognosen von Suleyman auch nur teilweise zutreffen, erleben wir keine gewöhnliche Produktivitätssteigerung, sondern eine Umverteilung von Wertschöpfung. Wissensarbeit verliert an Exklusivität. Digitale Leistungen werden skalierbar. Marginalkosten sinken. Wettbewerb verschärft sich.
Gewinnen werden jene Bereiche, die entweder physisch gebunden sind oder über strukturierte, vertrauenswürdige Daten verfügen. In einer KI-Ökonomie entscheidet nicht mehr primär das Netzwerk, sondern die maschinenlesbare Qualität von Informationen.
Für die Bauwirtschaft bedeutet das: Stabilität ist kein Selbstläufer. Wer analog bleibt, verliert. Wer digital strukturiert ist, gewinnt Sichtbarkeit – auch gegenüber KI-Systemen, die künftig Projekte vorbereiten, vergleichen und vergeben.
Quellen (Zusammenfassung)
Interview von Mustafa Suleyman in der Financial Times zur Automatisierung von Wissensarbeit.
Öffentliche Aussagen von Elon Musk zur exponentiellen Produktivität, Preisentwicklung und KI-Disruption.
Analysen führender KI-Unternehmer zur Transformation administrativer Berufe.
Fazit
Ob die Welt 2028 ohne Anwälte, Banker und Buchhalter auskommt, ist offen. Sicher ist jedoch: Die Geschwindigkeit der Automatisierung nimmt zu, und die Auswirkungen reichen weit über Silicon Valley hinaus.
Für die Schweiz als Dienstleistungs- und Immobilienstandort ist das keine abstrakte Debatte, sondern eine strategische Frage. Und für Bau und Handwerk ist es ein Frühindikator dafür, wie sich Nachfrage, Investitionen und Marktstrukturen verändern könnten.
Wer die KI-Welle ignoriert, wird von ihr überrascht. Wer sie analysiert, kann sich positionieren.
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